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Orgelmusik zur Teezeit

Am „Weißen Sonntag“ (23.4.) fand das zweite Orgelkonzert in der Reihe T@5 statt. Dieses Mal erklang die 6. Orgelsinfonie von Charles-Marie Widor: mit dem monumentalen ersten Satz, der schon 12 Minuten dauert und oft für sich allein im Konzert gespielt wird, brach sich der kathedrale Orgelklang Bahn. Als Verschnaufpause für Ohren und Seele waren der zweite und vierte Satz gestaltet: mit Streichern und der sog. „Himmelsstimme – Voix célèste“, später mit Solo-Oboe und Trompete als elegischem Duo. Dem scherzoartigen Intermezzo als drittem Satz verliehen die Staccato-Kaskaden der französischen Klangfarben unserer Orgel einen anmutigen Schwung; fast hätte man geschunkelt. Das Finale des fünften Satzes schloss in Lautstärke und Furor den Bogen zum Anfang des Werkes. Begeisterter Applaus der ca. 70 Besucher dankte Kirchenmusiker Simon Daubhäußer die Mühen eines solchen Konzerts. Als Zugabe spielte dieser den bachschen Schübler-Choral „Komm du nur, Jesus, vom Himmel herunter“ (Melodie heute: Lobe den Herren) als heiteren Ausklang dieses kurzweiligen Abends.

Dem ursprünglichen Plan die ersten fünf Sinfonien Widors chronologisch aufzuführen ist der Organist bereits im ersten Konzert mit der zweiten Sinfonie entgegengetreten. Mit der sechsten Sinfonie, die den zweiten, zehn Jahre später komponierten Sinfoniezyklus Widors eröffnet, wird klar: wir freuen uns auf eine Auswahl 5 aus 10.

Jeweils mit einem jahreszeitlich passenden Tee versehen, begrüßen wir Sie zu den Programmen am 18. Juni, 24. September und 5. November jeweils um 17 Uhr. Dauer ca. 45 Minuten mit freiem Eintritt.

 

Professor Klaus Oldemeyer, emeritierter Klavierprofessor der Kölner Musikhochschule, war Besucher des Konzertes und hat folgenden Leserbrief geschrieben:

Französische Orgelmusik vom Feinsten

Wissen die Dortmunder Musikfreunde eigentlich, welch klingendes Kleinod die katholische Propsteikirche im Stadtzentrum seit knapp zwei Jahren in ihrem Inneren birgt? Während das Auge des Besuchers die leuchtenden Farben auf Derick Baegerts Altarbild von 1476 in der lichten gotischen Chorhalle bewundert, glaubt das Ohr sich in den klassizistischen Monumentalbau der Pariser Kirche Saint-Sulpice versetzt, erfüllt mit den samtigen Klangschwaden seiner berühmten Cavaillé-Coll-Orgel von 1862.

Am Nachmittag des Weißen Sonntages, während der erste Wahldurchgang zur französischen Präsidentschaftswahl auf Hochtouren lief, hatte eine Schar enthusiastischer Orgelfreunde die Gelegenheit, in der Propsteikirche eine Spitzenleistung französischer Orgelkunst zu erleben. Seit die Sauer-Mühleisen-Orgel im Jahre 2015 einer grundlegenden Sanierung und Restaurierung unterzogen wurde, ist ihr Klang nicht wieder zu erkennen. Alles Laute, Schreiende und Grelle der früheren Orgel ist wie weggeblasen. Rundheit, Fülle und Weichheit des Klanges erfüllen den Kirchenraum bis in die stärksten dynamischen Ballungen hinein, ohne dass der Hörer jemals das Gefühl hätte, von einer hart-materialistischen Klangproduktion erschlagen zu werden.

Aber eine noch so professionell gebaute Orgel garantiert nicht aus sich heraus den adäquaten Klang. Es muss schon ein Meister und Könner des Orgelspiels wie der seit fünf Jahren in der Propsteigemeinde amtierende noch junge Kantor und Organist Simon Daubhäußer, der den Restaurierungsprozess maßgeblich gefördert und beeinflusst hat, am Werke sein, um die Orgel in dieser französischen Weise zum Klingen zu bringen.

Und er tat es. Seine Wiedergabe der 6. Orgelsinfonie in g-moll von Charles-Marie Widor (1844-1937) – schon die Gesamtaufführung des 45-Minuten-Werkes hätte viel mehr öffentliche Aufmerksamkeit erheischt – hatte die typischen Farbmischungen, den Schmelz, die Eleganz, den Charme, aber auch die Grandeur französischer Orgelspätromantik, für die unsere deutsche Orgeltradition keine Parallele aufzuweisen hat.

Dass diese Orgel aber darüber hinaus für die ganz anders gearteten Bedürfnisse des Bachspiels ein ebenso ideales Instrument abgibt, zeigte Daubhäußer mit einem wunderbar transparenten Choralvorspiel aus den „Schübler-Chorälen“, welches das begeisterte Publikum als Zugabe erzwang.

Vielleicht kann der Besucher die Dortmunder Orgelfreunde mit diesen Zeilen anregen, diese nunmehr so wichtige Dortmunder Orgel und seinen künstlerischen Meister näher kennen zu lernen. Es lohnt sich. 

Unterschrift: Prof. Klaus Oldemeyer

Köln, 23.04.2017

Den Brief im Original finden Sie hier.