Kirchenmusik

"Es kommt ein Schiff geladen" Orgelandachten zum Advent

winkhaus-design In einer Dreiviertelstunde legen der Theologe Prof. Dr. Egbert Ballhorn (TU Dortmund) in Wort und Dekanatskirchenmusiker Simon Daubhuer in Musik jeweils ein Adventslied aus. Zum Hinhren, Mitsingen, Nachdenken und Mitnehmen.

Termine:

01.12.

08.12.

15.12.

22.12.2022 jeweils 17.00 Uhr Propsteikirche

Mein Lieblingslied im Advent: Es kommt ein Schiff geladen

Jede noch so kleine Gemeinde singt dieses Lied krftig und fehlerlos, ist Dekenataskirchenmusiker Simon Daubhuer berzeugt und verrt, warum mittendrin der Takt wechselt

Wer das Wort „Schiff“ hrt, denkt vielleicht an Meer und Hafen, an stolze Windjammer und immer grere Containerschiffe. Mit den Schlagzeilen dieses Jahres im Hinterkopf stellen sich womglich Assoziationen von Flchtlingsbooten, LNG-Terminals und Kornfrachtern, die nicht auslaufen drfen, ein. Und auch als Metapher fr die Kirche steht das Schiff als „Schifflein Petri“, das durch schwere See fhrt. Letztendlich schwingen beim Wort „Schiff“ aber immer die beiden Grundbedeutungen mit: Aufbrechen und Ankommen – und damit sind wir thematisch im Advent und bei meinem Lieblingslied: „Es kommt ein Schiff geladen“ (GL 236).

Ein Evergreen

Jede noch so kleine Gottesdienstgemeinde singt dieses Lied unfallfrei und krftig, selbst whrend und nach Corona. Dabei stammt dieser Evergreen in seiner heutigen Gestalt aus der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert. Eine noch ltere Fassung findet sich in einer Sammlung von 1626. Dort heit es: „Ein vraltes Gesang, So vnter de Herrn Tauleri“. Mit dem „Herrn Tauleri“ ist der mittelalterliche Mystiker Johannes Tauler gemeint, dessen Textform des Liedes auf das Jahr 1450 zurckgeht. Damals wandelte sich die Konnotation des Wortes „Schiff“:  Von den Sprchen Salomos (31,10.14) „Eine starke Frau, wer wird sie finden? … Sie gleicht dem Schiff eines Kaufmanns, aus der Ferne holt sie ihre Nahrung.“ hin zu den Predigten Johannes Taulers worin das Schiff immer fr die Seele und das Gemt steht.

Fr Generationen von Gottesdienstbesuchenden gehrt dieses Lied in den Advent. Weil die vierte Strophe aber mit den Worten „Zu Bethlehem geboren…“ beginnt, hat die Gottesdienstkongregation sie im Rahmen des Genehmigungsverfahrens fr das neue Gotteslob in die Weihnachtszeit geschoben. Dort steht es immerhin an erster Stelle. Es stellt nun also eine Gratwanderung zwischen Advent und Weihnachten dar, hnlich dem Kirchenchor-Klassiker „bers Gebirg Maria geht“ von Johannes Eccard.

Warum mitten im Lied der Takt wechselt

Als eines von sehr wenigen Kirchenliedern weist es einen Taktwechsel auf und wird damit zur Sollbruchstelle im singenden Vollzug von Organistin und Gemeinde. Die handwerkliche Frage, welcher Notenwert welchem Gegenwert entspricht, scheidet Geister, Singtraditionen und Unterrichte vom C-Kurs bis in die Musikhochschule. Die Aussagekraft der Taktwahl hat aber im Barock eine weitaus hhere Dimension als das „Wie?“ nmlich das „Weshalb und Wofr?“: Entgegen unserem heutigen Taktempfinden, das das geradtaktige, durch zwei teilbare Metrum bevorzugt, empfanden die Musikerinnen und Musiker dieser Zeit den Dreiertakt als ideal, und nannten ihn „tempus perfectum“ (den Zweiertakt entsprechend „tempus imperfectum“).

Das bezog sich nicht zuallererst aufs Walzern und Schunkeln, sondern zahlensymbolisch auf die Dreifaltigkeit (Himmel) und beim Zweier- beziehungsweise Vierertakt auf den Menschen (Erde). Ein (Volks-)Kirchenlied wie „Es kommt ein Schiff geladen“ vermhlt also durch seinen Taktwechsel Himmel und Erde, Gott und Menschen. Dem weihnachtlichen Thema folgend kann man noch eine sogenannte „abbildende Figur“ in der Achtelkette der Melodie in der letzten Zeile finden: hier wird das Niedersteigen des Heiligen Geistes zu Maria hin musikalisch erfahrbar.

Auf das Dunkel folgt Licht

Dass es auch fr unsere Jngsten kein zu dsterer Text ist, zeigte sich an meiner ersten hauptamtlichen Stelle in Refrath im Advent 2008, als sich die Fnf- bis Neunjhrigen meiner Kinderchorgruppe  zwischen einem Neuen Geistlichen Lied und diesem alten Adventslied entscheiden sollten. Die Wahl fiel einmtig auf „Es kommt ein Schiff geladen". Sehr zum Missfallen des Kaplans, der argwhnte, so etwas wrden sich Kinder doch nie und nimmer selbst aussuchen. Aber Kinder haben ein untrgliches Gespr fr Authentizitt – vielleicht mochten sie auch einfach den Wechsel von anfnglich dorisch, einer Kirchentonart hnlich unserem Moll, hin zu Dur im zweiten Teil, um dann wieder auf dem Ton „d“ mit einem Mollakkord zu schlieen. In der Gewissheit, dass traurig und frhlich, hell und dunkel, Gut und Bse, Licht und Schatten einander bedingen. So wie auch auf das Dunkel des Advents das Strahlen von Weihnachten folgt.

Autor: Simon Daubhuer, Dekanatskirchenmusiker, Dortmund